Simon Schobel ©Privat

Der frühere Handball-Bundestrainer Simon Schobel hat einen Herzinfarkt auskuriert und verfolgt die WM-Spiele in Ägypten in Rumänien am Fernseher. „An das ersatzgeschwächte deutsche Team“, sagt er, „darf man keine großen Erwartungen stellen.“  Schobel hat seine Gründe.

Er ist immer noch der alte: Ein Bär von Mann, selbst mit 70 Jahren stramm trainiert – und die Sprüche sind so kernig wie früher, als der ehemalige Sprungwurf-König im Trikot des TuS Hofweier immer dann zur Höchstform auflief, wenn ihm der Gegner mal wieder die Nase blutig geschlagen hatte. „Gegen die Kapverdischen Inseln kannst du ja mit der Kaffeetasse in der Hand spielen“, kommentiert Simon Schobel die deutsche Vorrundengruppe bei der Handball-Weltmeisterschaft, die am Mittwoch in Ägypten beginnt.
 

Schobel wie er leibt und lebt.

Herzinfarkt 2020
Dabei hätte im August alles vorbei sein können. Ein Herzinfarkt war im Corona-Jahr 2020 die größte gesundheitliche Herausforderung für den Siebenbürgen, der seit vielen Jahren wieder in Rumänien ist und in der Nähe von Sibiu (deutsch: Hermannstadt) wohnt. Aber es ging gut. Schobel schaffte es ins Krankenhaus und bekam Stents eingesetzt von einem Herzspezialisten, den er noch aus der Anfangszeit seiner Handball-Karriere vor 50 Jahren kannte. „Jetzt geht es mir wieder ganz gut“, sagt er, „ich trainiere täglich und arbeite wieder.“

Schobel macht immer noch in Möbel. Seine Firma für Gartenmobiliar ist das dritte Standbein in seinem Leben.

Jüngster Handball-Bundestrainer

Das erste war der TuS Hofweier. Dort wurde er 1973 nach dem legendären Fenstersprung aus dem Gasthaus „Rößle“ heimisch. Aus dem deutschstämmigen rumänischen Jung-Nationalspieler wurde der charismatische Spielertrainer des TuS Hofweier.

Mit Jahrhunderttalent Arno Ehret und Schlagwurfkönig Gerd Leibiger machte er die „rasenden Zwerge aus dem Schwarzwald“ zu einer Marke in Handball-Deutschland. Danach wurde Schobel mit 32 Jahren der jüngste Handball-Bundestrainer aller Zeiten. 

Jetzt hat er ein Auge auf Enkel Lion (6), der mit seinem Sohn Benjamin in Leipzig lebt und gerade mit dem Handballspielen beginnt. Doch Corona blockiert den Kontakt.

Respekt vor dem Virus

Schobel hat Respekt vor dem Virus: „Keine Veranstaltungen, keine Kundenbesuche, Kontakte nur über Telefon- oder Videokonferenz. Dazu Maske, jeden Tag Sport und viele Vitamine. Mehr geht nicht“, lautet seine Strategie.

Entrüstet ist er angesichts der Bilder von überlaufenen Wintersport-Orten – nicht nur in Deutschland. „Auch in Rumänien sind die Leute ohne Maske in den Skigebieten“, sagt er und fordert: „Sie müssten so heftig bestraft werden, dass sie das nie mehr machen.“ Dass Deutschland einen seiner Meinung nach möglichen Vorsprung in Sachen Impfstoff  verspielt hat, versteht er ganz und gar nicht: „Deutschland hätte normal sehr schnell und sehr viel impfen können, aber die entsprechenden Spritzen wurden nicht gesichert. Das ist furchtbar!“

Gislason ein „super Kerl“

Mit dem gleichen Prädikat versieht Schobel das auf 32 Länder aufgeblähte Teilnehmerfeld der Handball-WM: „Da sind x Mannschaften am Start, die dort nichts zu suchen haben.“ Dass es seine Rumänen trotzdem nicht nach Ägypten schafften, ist für den Bronzenmedaillengewinner von 1972 schwer verdauliche Kost.

Angesichts der vielen Ausfälle und Absagen beim deutschen Team warnt er vor großen Erwartungen. „Der neue Bundestrainer Alfred Gislason ist ein super Kerl, „aber in so kurzer Zeit ein neues Team zu formen, ist schwer.

Das rumänische Fernsehen zeigt auf verschiedenen Kanälen sämtliche Spiele. Simon Schobel sucht sich aus, was ihn interessiert und sagt trotz Herzinfarkt ganz gelassen: „Die eine oder andere Zigarre lasse ich mir noch schmecken.“

So ist er, der Karpaten-Bär.




Zur Person

Simon Schobel

Alter: 70.
Geboren: Petresti/Rumänien.
Wohnort: Sibiu/Rumänien.
Beruf: Unternehmer in der Möbelbranche.
Erfolge als Spieler: Olympia-Bronze mit Rumänien 1972 in München, Bundesliga-Aufstieg mit TuS Hofweier 1974, Deutscher Vizemeister mit TuS Hofweier 1979.
Erfolge als Trainer:  Olympia-Silber mit Deutschland 1984 in Los Angeles.



Hintergrund

Die alten Zeiten

Handball-Bundestrainer wurde Simon Schobel ohne Bewerbung. Nicht mal eine Vorwarnung gab es. Seine Erfolge mit dem TuS Hofweier, die in der Deutschen Vizemeisterschaft 1979 gipfelten, brachten dem gebürtigen Siebenbürgen den Job des Studienleiters der Südbadischen Sportschule in Steinbach ein. Eine feine, eine sichere Sache. Deshalb geriet Schobel auch ins Schleudern, als im Frühjahr 1982 ein Anruf aus Dortmund kam. Engelbert Heck, Chef der Technischen Kommission beim Deutschen Handball-Bund, fragte: „Kannst du kommen?“

Mit 32 auf der großen Bühne
Schobel kam und staunte nicht schlecht, was auf ihn zukam. „Magier“ Vlado Stenzel, der Weltmeister-Macher von 1978, hatte bei der missratenen 82er-WM im eigenen Land seinen Zauber verloren – und der DHB suchte einen neuen Bundestrainer.
Schobel betrat mit 32 Jahren die ganz große Bühne. Die Olympia-Qualifikation verpasste er bei der B-WM 1983 in Holland mit seiner sogenannten Glücksgeneration um Martin Schwalb und die Roth-Zwillinge, profitierte dann aber vom Boykott starker Ostblock-Nationen. Und für Nachrücker Deutschland tat sich 1984 in Los Angeles plötzlich die ganz große Chance auf.
Nach fünf Siegen in fünf Spielen stand das DHB-Team im Finale gegen Jugoslawien. Es gab eine bittere 17:18-Niederlage. Und „Silber“-Simi ägerte sich schwarz über das in seinen Augen geklaute Gold. Die Schiedsrichter hatten mit einem Siebenmeter-Verhältnis von 9:1 für die „Jugos“ das Endspiel seiner Meinung nach manipuliert.

Achterbahn der Gefühle
Nach dem Spiel traf Schobel beim Bankett auf den aus Lörrach stammenden Generalsekretär des Handball-Weltverbandes. Dabei, so Schobel, habe Max Rinkenburger gesagt: „Merk’ dir eins: Gold gewinnst du erst, wenn wir dich lassen – und deine Zeit ist noch nicht gekommen.“ Dann ging mit Schobel der Gaul durch, er wollte Rinkenburger an den Kragen. Aber seine Spieler erkannten die Gefahr und warfen den Bundestrainer in den Hotel-Pool.
1986 bei der A-Weltmeisterschaft in der Schweiz erlebte Schobel eine Achterbahn der Gefühle. In der Vorrunde gab es in der bis zum Bersten gefüllten St.-Jakob-Halle in Basel ein hochemotionales 18:17 gegen die Schweiz. Der Held hieß Erhard Wunderlich. 25 Sekunden vor Schluss erzwang der Milbertshofener den Siegtreffer. Das Team um „Hexer“ Thiel im Tor dachte an eine Medaille, wurde aber in der Hauptrunde durch das 20:23 gegen die UdSSR, die 15:24-Klatsche gegen die DDR und eine 17:19-Niederlage gegen den späteren Champion Jugoslawien jäh aus allen Träumen gerissen. Es reichte nur zu Platz sieben – Olympia 1988 in Seoul war vorerst verpasst. „Ich bin nicht der Typ, der sofort resigniert“, sagte Schobel, „wir haben noch eine minimale Chance.“

Nach fünf Jahren Schluss
Die gab es ein Jahr später bei der B-WM in Südtirol. Doch unter den drei Zinnen stand Schobel am Ende wieder mit leeren Händen da. Knackpunkt war die 23:24-Niederlage gegen die Tschechen. Schobel sagte  den berühmten Satz: „Ich habe der Mannschaft den Weg zum Tor gezeigt. Was kann ich dafür, wenn sie nicht treffen?“
Zwei Sekunden 1983 in Holland, zehn verpennte Minuten 1986 gegen die Russen und die Nervenschwäche 1987 gegen die Tschechen stellten Simon Schobels fünfjährige Arbeit in Frage. Sein Vertrag wurde nicht verlängert.

 
Zum Seitenanfang