Es war ein würdiges Finale, am Ende setzte sich der VfL Eintracht Hagen verdient durch. Der HC Oppenweiler/Backnang musste sich dem Topfavoriten der Aufstiegsrunde der Drittligisten auch im Rückspiel geschlagen geben.


Die Westfalen siegten 39:33 und steigen verdient in die zweite Bundesliga auf. Der HCOB hielt die Begegnung mit unbändigen Kampfgeist lange offen, verkaufte sich auf höchstem Drittligalevel hervorragend. Nach 40 Minuten schien das Handball-Wunder für einen kurzen Augenblick möglich. Dann schlug Hagen vehement zurück und machte alles klar.

Fünf Tore Rückstand hatte der HCOB beim Anwurf, und kurz darauf waren es sogar sieben. Denn Hagen erwischte den besseren Start, ging mit 2:0 in Führung. Dann kamen die Murrtaler auf. Torwart Jürgen Müller parierte zwei Würfe. Timm Buck sorgte für den Ausgleich. Ruben Sigle netzte per Fernwurf ins verwaiste Hagener Tor ein. 3:2. Und die 134 Zuschauer, die für eine super Handball-Atmosphäre sorgten und nach Wochen der Spiele unter Ausschluss der Öffentlichkeit dem Ganzen einen wunderbaren Rahmen gaben, witterten Morgenluft.

Aber Hagen ließ sich überhaupt nicht anstecken. Das Zusammenspiel mit Kreisläufer Tilman Pröhl funktionierte gut, im Rückraum zog der ehemalige Bietigheimer Valentin Schmidt geschickt die Fäden. Die Eintracht zog zwar nicht davon, hatte aber doch meist einen kleinen Vorsprung. Und vor allem: immer, wenn der HCOB kurz das Momentum auf seiner Seite zu haben schien, legten die Gäste wieder nach. Beispiel: Ruben Sigle und Kevin Wolf trafen zum 8:8-Ausgleich, in vielen Spielen könnte das ein Wendepunkt sein. Aber Hagen legte direkt wieder drei Tore nach.

Die HCOB-Mannschaft um Trainer Matthias Heineke ihrerseits beeindruckte durch immense Kampfkraft und hatte viele gute Ideen. Rückraumspieler Ruben Sigle war immens torgefährlich, und Marcel Lenz warf Siebenmeter weiter mit einer beeindruckenden Sicherheit. Beim 14:14 waren die Hausherren wieder dran, ebenso – Sekunden vor dem Ende der ersten Halbzeit – beim 16:16. Die Maßnahme, einen siebten Feldspieler einzusetzen, fruchtete einmal mehr. Was bis dahin vielleicht fehlte, war mal ein Führungstor. Stattdessen warf Kim Voss-Fels mit der Sirene zur Führung für Hagen. Ein Big Point, der dem hohen Favoriten noch einmal zusätzliche Sicherheit verlieh.

In der zweiten Halbzeit blieb es zunächst ein intensives Match. Die Murrtaler ließen sich weiter nicht abschütteln – und machten zwischen der 32. und der 38. Minute mit einem 5:2-Lauf das 23:22. Endlich das Führungstor, Riesenjubel in der Halle. Weil Hagens Julian Renninger in diesem Moment eine Zeitstrafe abbrummen musste, schien die Chance gegeben, noch einmal in der Gesamtwertung angreifen zu können. Doch nun zeigte sich, warum die mit vielen erfahrenen Bundesliga-Spielern ausgestattete Mannschaft aus Hagen zurecht Sieger der Aufstiegsserie wurde: sie ließ sich von diesen vermeintlichen Rückschlägen überhaupt nicht aus dem Rhythmus bringen. Drei Tore in Unterzahl, das war ein Ansage.

Der HCOB hatte in dieser Phase kein Wurfglück mehr: vier Lattenknaller binnen weniger Minuten. Das kostete auch nervlich Substanz. Der VfL hatte nun Oberwasser. Die Verteidiger fingen einige Bälle ab, kamen dadurch zu Kontertoren. Auch sonst war die offensive Qualität beim Team aus Nordrhein-Westfalen einfach enorm hoch. Binnen weniger Minuten wurde aus der HCOB-Führung eine 25:30-Rückstand. Die mitgereisten Vorstände aus Hagen streiften sich schon einmal die mitgebrachten Aufstiegstrikots über.

Der HCOB musste sich bis zum Schluss kämpferisch keinen Vorwurf machen lassen, hielt immer dagegen, hatte viele gute Aktionen. Aber Hagen war clever, erfahren, abgezockt, spielte den Sieg souverän nach Hause. Am Ende fiel er, wie im Hinspiel, um zwei, drei Tore zu hoch aus, in Summe aber waren die Westfalen der verdiente Sieger. In den Schlussminuten setzten beim HCOB zwei Spieler die Akzente, die nach der Partie verabschiedet wurden. Linksaußen Johannes Csauth spielt beim Konter Doppelpass mit dem Gegner und jagte den Ball dann in die Maschen. Evgeni Prasolov blieb es vorbehalten, den 33:39-Endstand zu erzielen.

Bei den HCOB-Handballer mischte sich in die Enttäuschung über das ausgebliebene Handball-Wunder und den verpassten Aufstieg in die zweite Bundesliga auch viel Stolz über einen bemerkenswerten Auftritt in der Aufstiegsrunde. Betrachtet man die Ausgangslage Anfang Februar, als Skeptiker schon davon sprachen, dass wohl erst im Herbst überhaupt wieder Handball gespielt werden könnte, so kann man nun bilanzieren: der HCOB hat sich sportlich erstklassig verkauft, die Mannschaft hat hervorragende Leistungen gezeigt, die mediale Präsenz und die Wahrnehmung für den Club war sowohl regional wie auch bundesweit groß. Und nicht zu unterschätzen: die Fans hatten in sonst eher veranstaltungsarmen Corona-Zeiten die Perspektive, ihren Lieblingsspielern in den vergangenen zehn Wochen zumindest an den Bildschirmen zu folgen.

Stimmen zum Spiel

HCOB-Trainer Matthias Heineke: „Wir müssen Hagen nicht nur gratulieren, sondern tun dies voller Anerkennung. Sie haben verdient gewonnen, eine tolle Leistung über zwei Spiele gebracht, auch über die gesamte Aufstiegsrunde. Trotzdem kann ich wieder ein Riesenkompliment an meine Mannschaft machen. Über 40, 45 Minuten war eine krasse Intensität drin. Wir haben alles probiert, was wir haben. Wir haben sie vor Aufgaben gestellt, wir haben alles rausgeholt. Irgendwann ging der Saft weg und Hagen hat den Sack zugemacht. Aber deswegen bin ich trotzdem total stolz auf die Jungs und was wir in den letzten Wochen geleistet haben.“

Philipp Schöbinger: „Hagen war heute einfach zu stark für uns. Wir dürfen ein kleines bisschen enttäuscht sein. Aber im nächsten Moment sind wir auch megastolz auf das, was wir in dieser Aufstiegsrunde erreicht haben, und das nehmen die Jungs in die kommende Runde, dann ohne mich. Dann kann sich der HCOB auf erstklassigen Handball in der Dritten Liga freuen.“

Rund ums Spiel

Hagen hatten eine nervige Anreise. Der Bus blieb liegen. Irgendwann ging es mit Kleinbussen weiter. Eigentlich sollten sich die Spieler noch in einem Hotel regenerieren, aus dem geplanten Vier-Stunden-Aufenthalt wurde ein Stündchen. In Oppenweiler waren die Handballer aber rechtzeitig, und aufs Ergebnis hatte der Stress offenkundig dann auch keine negativen Auswirkungen.

Nach dem Spiel wurden Johannes Csauth (zum HCOB-Verbandsligateam), Evgeni Prasolov (zum VfL Waiblingen), Philipp Schöbinger (hört auf) und Physiotherapeutin Nina Hagenlocher unter großen Beifallsbekundungen verabschiedet. Dass sich Kreisläufer Schöbinger wenige Minuten vor dem Ende noch am Fuß verletzte, hätte wahrlich nicht sein müssen, hoffentlich ist es nichts Ernstes. Wie beim HCOB seit Jahren üblich bekamen die ausscheidenden Akteure ein Großformatwandbild mit einer Spielszene von Fotograf Alexander Becher.

Der andere Aufsteiger neben dem VfL Eintracht Hagen ist der HC Empor Rostock, der nach dem Hinspielsieg auch das Rückspiel gegen den 1. VfL Potsdam gewann. Unterm Strich haben sich die beiden Teams durchgesetzt, die auch zu Beginn als größte Favoriten gehandelt wurden.

Die gesamte Aufstiegsrunde stand unter strengen Corona-Bedingungen. Mancher hatte Sorge, dass negative Tests den Spielbetrieb lahmlegen würden. Nun darf man feststellen: es lief erfreulich gut. Nur zwei der 54 Begegnungen mussten abgesetzt werden, beide hatten keine allzu großen Auswirkungen auf den Ausgang der Vorrundengruppe A („Nord-Staffel“). In der Zwischen- und in der Finalrunde wurden alle Entscheidungen auf dem Spielfeld getroffen. So soll es sein. Bedeutet erstens: Die Testkonzepte waren gut und die Sportler und Vereinsvertreter haben sich daran gehalten. Und zweitens: Die Handballer hatten eben auch ein bisschen Glück.

Die HCOB-Handballer haben nun einige Wochen Pause – dann steht schon wieder die Vorbereitung auf die neue Runde an. Diese beginnt voraussichtlich Ende August mit einem DHB-Pokalspiel gegen einen Zweitligisten. In der Dritten Liga wird es voraussichtlich eine Staffel mit zwölf Teams geben, wobei die besten im Anschluss an den Grunddurchgang in eine Aufstiegsrunde aufsteigen. Details sind aber noch keine bekannt gegeben worden.

HC Oppenweiler/Backnang – VfL Eintracht Hagen 33:39

HC Oppenweiler/Backnang: Jürgen Müller, Stefan Koppmeier (Tor), Marcel Lenz (7/3), Timm Buck (3), Felix Raff (2), Ruben Sigle (8), Kevin Wolf (2), Isaiah Klein (n.e.), Philipp Schöbinger, Evgeni Prasolov (2), Jakub Strýc (2), Johannes Csauth (1), Florian Frank (n.e.), Philipp Maurer (3), Eric Bühler (n.e.), Tim Düren (3). – Trainer: Matthias Heineke.

VfL Eintracht Hagen: Tobias Mahncke, Mats Grzesinski (Tor), Theo Bürgin (6), Alexander Becker, Jaap Beemsterboer (2), Tilman Pröhl (6), Valentin Schmidt (5), Julian Renninger (1), Luca Klein, Kim Voss-Fels (1), Carsten Ridder (3), Jan-Lars Gaubatz (5), Lukas Kister, Daniel Mestrum (2), Tim Stefan (6), Damian Toromanovic (2). – Trainer: Stefan Neff.

Schiedsrichter: Christian Hannes (Aachen) und David Hannes (Frankfurt).

Zuschauer: 134.

Siebenmeter: 3/3 : 0/0.

Zeitstrafen: 4:8 Minuten (Schöbinger, Strýc – Becker/zweimal, Renninger, Gaubatz).

Spielverlauf: 8:8, 14:14, 16:17 – 23:22, 27:32, 33:39.

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